«Das eigene Kreuzband ist das beste»

Stefan Eggli – wie der Berner Orthopäde die Kniechirurgie revolutionieren will

Bei der Behandlung des Kreuzbandrisses geht ein Berner Arzt neue Wege – mit guten Argumenten und einer cleveren Operationstechnik. Für einen Paradigmenwechsel fehlen nur noch überzeugende Langzeitresultate. Alan Niederer

Der erste Patient war der Captain des FC Solothurn. Bei ihm hat Stefan Eggli im Sommer 2009 seine neue Methode zur Behandlung eines gerissenen vorderen Kreuzbandes zum ersten Mal angewendet. «Ausgerechnet bei einem Erstliga- Fussballer», sagt der Orthopäde bei unserem Gespräch in der Klinik Sonnenhof in Bern schmunzelnd. Und als Erklärung für seine damaligen Bedenken fügt er an: «So jemand steht ganz schön in der Öffentlichkeit.»

Natürliche Heilung
Mit Argusaugen verfolgten der Arzt und sein Team bei dem Sportler die Rehabilitation. Diese verlief komplikationslos, so wie auch bei neun weiteren Patienten, die Eggli bis Februar 2010 mit der «dynamischen intraligamentären Stabilisation» (DIS) versorgte. Dabei wird das gerissene vordere Kreuzband – eine der häufigsten Sportverletzungen überhaupt – nicht wie üblich durch einen Sehnenstrang aus dem Bein ersetzt, sondern zur natürlichen Heilung gebracht.

Was für den Laien unspektakulär klingt, stellt in der Kniechirurgie einen Paradigmenwechsel dar. Denn bisher galt, dass ein kaputtes Kreuzband nicht wieder zusammenwachse. Dieses Dogma war für den heute 51-jährigen Professor, der sich selber als leidenschaftlicher Tüftler bezeichnet, die entscheidende Herausforderung. Es könne doch nicht sein, habe er vor fünf Jahren gedacht,
dass das Kreuzband nicht heilen könne. «Das beste Kreuzband ist das eigene», lautete seine Hypothese. «Wir sollten daher versuchen, es zu erhalten.»

Für Eggli stand ausser Frage, dass die heutige Standardoperation gerade bei jüngeren und sportlich ambitionierten Patienten oft nicht genügt. Viele könnten nach dem Eingriff das Knie nicht richtig strecken und hätten Schmerzen, sagt der mit einer plastischen Chirurgin verheiratete Arzt. Ausserdem habe eine Studie 2006 gezeigt, dass nur vier von zehn Operierten ihr früheres Leistungsniveau wieder erreichten. Für Nachwuchssportler könne dies das Karrierenende bedeuten. Die ernüchternden Operationsergebnisse erstaunen Eggli nicht. Das vordere Kreuzband bestehe aus 15 fächerförmigen Bündeln, die bei jedem anders gewachsen seien. Beim konventionellen Eingriff werde das Band samt den für eine gelenkschonende Beweglichkeit
benötigten Nervenfasern durch eine einfache Punkt-zu-Punkt-Verbindung aus «totem» Gewebe ersetzt.

Frühere Versuche gescheitert
Dass ein gerissenes Kreuzband nur schwer heilt, weiss man schon länger. Das hat mit der mechanischen Instabilität zu tun, die der Kreuzbandriss im Knie verursacht. Dadurch werden die
beiden Enden des Bandes beim Beugen und Strecken immer wieder voneinander getrennt, was ein Zusammenwachsen verunmöglicht. Das Problem der Instabilität haben schon andere Ärzte zu
lösen versucht, bisher allerdings ohne Erfolg. Die dazu eingesetzten Schienen waren für die Patienten zu unbequem, und Versuche mit Gipsverbänden führten zu steifen Kniegelenken. Die Lösung des Problems liege in der dynamischen Stabilisierung des Knies von innen, sagt Eggli. Dadurch wird das schädliche Bewegungsspiel im Knie gestoppt, und die Kreuzbandenden können
zusammenwachsen. Konkret wird bei der in Zusammenarbeit mit der Medtech-Firma Mathys in Bettlach entwickelten DIS-Technik eine Feder im Unterschenkelknochen verankert. An dieser ist ein Faden befestigt, der mit einem Spezialinstrument durch das gerissene Kreuzband geschossen und am Oberschenkelknochen fixiert wird.

Vor dem ersten Eingriff hat Eggli das Verfahren an Schafen getestet – mit sensationellem
Erfolg, wie er sagt. Die Fachkollegen hätten damals interessiert zugehört, wenn er die Resultate an Kongressen vorgestellt habe. Doch viele hätten wohl auch gedacht, an Schafen könne man alles beweisen. Diese Skepsis habe sich inzwischen in echtes Interesse gewandelt. Denn seit kurzem liegen die Einjahresergebnisse der ersten zehn behandelten Patienten vor. Diese sind so
überzeugend, dass mehrere Kliniken im In- und Ausland die Operationstechnik aus Bern übernehmen wollen. Es sei wichtig, dass jeder Fall minuziös dokumentiert und ausgewertet werde, sagt Eggli. Denn nur wenn andere Chirurgen ebenso gute Ergebnissen erzielten, könne die imVergleich zum Standardverfahren einfachere und ambulant durchführbare Operationsmethode weltweit lanciert werden. Noch fehlten auch Langzeitergebnisse, betont der Arzt. «Erst wenn wir wissen, wie es den Patienten nach zehn Jahren geht, sehen wir, ob die
neue Technik der alten überlegen ist.» Der konventionelle Bandersatz werde aber nicht obsolet, betont Eggli. Denn die DIS eigne sich nicht, wenn das Kreuzband vollständig zerfetzt sei oder
der Unfall zu lange zurückliege.

Zur Orthopädie sei er durch Zufall gekommen, sagt Eggli, der in seiner Freizeit gerne Trompete spielt und Sport treibt.Das Knie als Spezialgebiet habe er sich aber bewusst ausgesucht. Denn bei diesem Gelenk gebe es, anders als etwa beim einfacheren Hüftgelenk, noch viele ungelöste Probleme. Ideale Voraussetzungen für einen wie Eggli: Ja, er habe auch ein paar Ideen, wie man die Knieprothese verbessern könnte, sagt er mit dem ihm eigenen Understatement.

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