Die Gesundheitsdirektion legt eine brisante Berechnung zur hohen Spitaldichte im Kanton Bern vor: Sogar wenn es nur noch halb so viele Akutspitäler mit Notfall gäbe, wäre die Versorgung nicht gefährdet.
Regierungsrat Philippe Perrenoud (SP) sprach es ohne Umschweife aus: «Im interkantonalen Vergleich muss man sagen: Ja, es hat zu viele Spitäler im Kanton Bern.» Der Gesundheitsdirektor fuhr gestern vor den Medien fort: «Eine Konzentration der Standorte wäre möglich, ohne die Versorgung zu gefährden.» Perrenoud kann diese Aussage auf die neue «Spitalversorgungsplanung» für die Jahre 2011 bis 2014 abstützen, die er gestern vorlegte und die im November im Grossen Rat diskutiert wird.
Das Spitalamt hat in diesem umfangreichen Werk neuartige Berechnungen angestellt, die noch zu reden geben werden. Sie gehen davon aus, dass bei einer guten Grundversorgung mindestens 80 Prozent der Kantonsbevölkerung in 30 Minuten ein Akutspital mit 24-Stunden-Notfallstation erreichen; dabei werden auch die ausserkantonalen Spitäler berücksichtigt. Mithilfe eines Ingenieurbüros fand das Spitalamt heraus, dass heute sogar 97 Prozent der Bevölkerung in 30 oder wen iger Minuten ins nächste Spital gelangen (siehe Grafik). Im Kanton Bern gibt es nicht weniger als 24 Spitalstandorte mit 24-Stunden-Notfall.
«Sehr hohe Spitaldichte»
Die Quote ist in fast allen Regionen hoch, einzige Ausnahme ist das östliche Oberland mit 72 Prozent. Allerdings wurde bei der Analyse das Gesundheitszentrum Meiringen nicht berücksichtigt, das nicht nur einen Ambulanzstandort, sondern sogar eine Notfallstation umfasst.
Der Kanton liess nun in verschiedenen Szenarien berechnen, wie sich Spitalschliessungen auf die Erreichbarkeit auswirken. Eine eindrückliche Variante geht davon aus, dass alle Spitäler, die heute mehr als einen Standort betreiben, sich auf den grössten Standort beschränken – und zwar öffentliche wie private Spitäler. Dadurch würde sich die Zahl der Spitäler schlagartig von 24 auf 12 halbieren. Trotzdem würden insgesamt immer noch 93 Prozent der Bevölkerung in 30 Minuten das nächste Spital erreichen. Mit Ausnahme des östlichen Oberlands würde trotz Schliessung von 12 Spitalstandorten keine Region unter die 80-Prozent-Marke fallen. Dies mache die «sehr hohe Spitaldichte im Kanton Bern deutlich», heisst es lapidar in der Versorgungsplanung. Auch mit nur 12 Spitalstandorten werde die Erreichbarkeit insgesamt nur «in geringem Mass beeinträchtigt». Die Versorgung sei bei gleichzeitigem Ausbau der verbleibenden Standorte gewährleistet. Die Kosten wären insgesamt tiefer, da an jedem Standort unvermeidliche Fixkosten anfallen.
Dazu kommt noch, dass die Rettungsdienste die Notfallversorgung ohnehin sicherstellen: Die Ambulanzfahrzeuge sind kantonsweit in 94 Prozent der Fälle in weniger als 30 Minuten vor Ort und in 69 Prozent der Fälle in weniger als 15 Minuten.
Spitalliste Ende November
Was heisst das nun? Verordnet die Regierung weitere Spitalschliessungen? Nein. Perrenoud erinnerte daran, dass die Regionalspitäler inzwischen privatrechtlich e Aktiengesellschaften seien; allerdings gehören sie dem Kanton, und die Regierung wählt die Verwaltungsräte. Dennoch könne der Kanton nicht mehr per Federstrich Spitäler verschwinden lassen, so Perrenoud. Ab 2012, mit der neuen Spitalfinanzierung, werde es mit der Einflussnahme noch schwieriger.
Am meisten Einfluss nehmen kann der Regierungsrat über die Spitalliste, auf der er festlegt, welche Spitäler in welchen Bereichen zulasten der Grundversicherung arbeiten dürfen. Perrenoud ist weiterhin entschlossen, für 2012 eine neue Liste zu erlassen; sie soll nach mehreren Verzögerungen Ende November vorliegen. Die Liste gilt theoretisch ab Anfang 2012; es sind jedoch Übergangsfristen denkbar, da die Spitäler allfällige Veränderungen ihres Angebots nicht in einem Monat umsetzen können. Ohnehin ist anzunehmen, dass die Liste nicht 2012 in Kraft treten wird, da die Spitäler sie mit Beschwerden eindecken werden, wenn sie Federn lassen müssen.
Grundsät zlich ist der Fall für Philippe Perrenoud aber klar: In mehreren Regionen – auch im Raum Bern – werde es zu einer weiteren Reduktion der Spitalstandorte kommen. Namen nannte er nicht. (Von Fabian Schäfer, Berner Zeitung)